Aktueller, denn Je

 

Vor vielen, vielen hundert Jahren, als der Wald noch dicht wuchs und kaum Wege hatte, sah ein Holzfäller zum ersten Mal den waldalten Nadelbart und hörte, wie er sich mit den Bäumen unterhielt. Er erzählte überall, dass der waldalte Nadelbart die Sprache der Bäume verstehe. Das erfuhr ein junger, reicher Faulenzer. Der fand solchen Gefallen an seinem faulen Leben, dass er den Wunsch hatte, so alt wie die Bäume zu werden, um noch recht lange faulenzen zu können. Er schickte nach dem waldalten Nadelbart.

Als dieser barfuß vor ihm stand, sagte der Faulenzer: “Du also verstehst die Sprache der Bäume?"  "So ist es." „Dann verrate mir, wieso sie zweihundert und dreihundert Jahre alt werden können. Ich möchte auch so lange leben." Der waldalte Nadelbart wiegte bedenklich seinen Kopf. Doch der Faulenzer gab keine Ruhe, schließlich sagte der Alte: "Ihr müßt Euch jeden Bissen Nahrung selbst aus dem Boden holen und Ihr dürft nur Wasser trinken." Der Faulenzer verzog verächtlich das Gesicht. „Ihr müsst Euch barfuß gegen Sand, Kalk und Gestein behaupten, fest auf jedem Boden stehen." Der Faulenzer streifte seine weichen Pantoffeln ab. Doch als die Haare der Felle, mit denen der Fußboden ausgelegt war, seine Sohlen kitzelten, schlüpfte er sofort wieder in die Samtpantoffeln zurück. "Ihr müsst Euch jedem Wetter aussetzen, dürft Euch vom Sturm nicht zerbrechen, vom Regen nicht fortspülen, von der Sonne nicht verdorren und vom Frost nicht erfrieren lassen." "Du übertreibst!" rief der Faulenzer. "Das alles sollen die dummen, langweiligen Bäume können?"

Der waldalte Nadelbart besänftigte seinen Zorn und sagte: “Ihr müsst brüderlich mit Euresgleichen leben, müsst den Boden, das Wasser, die Luft gerecht teilen und Ihr dürft andere nicht überragen wollen noch Euch vor ihnen ducken." "Schweig!" Der Faulenzer wurde knallrot. "Ich wollte so alt wie die Bäume werden, weil sie mir ähnlich schienen."Glaubt nur nicht dass sie faul sind", spottete der waldalte Nadelbart. "Immerhin sie rühren sich nicht vom Fleck." Der Faulenzer sah den Alten herausfordernd an. Da begann die Stimme des waldalten Nadelbarts zu beben. "Und doch arbeiten sie. Sie speichern das Wasser in der Erde, machen aus schlechter Luft gute, düngen mit ihren Blättern den Boden und beschützen die Felder, dass Wind und Sturm nicht die Acker durch die Luft wirbeln können."

"Arbeiten macht müde", seufzte der Faulenzer und er gähnte so lange bis er einschlief. Er war so faul, dass er zu faul war, wieder aufzuwachen. Seine Diener liefen fort. Sein Haus zerfiel und begrub ihn.

Der waldalte Nadelbart aber gab den fleißigen Bäumen ein Zeichen. Sie streuten ihre Samen über das Geröll und bald wuchs dort ein guter, nützlicher Wald.

 

"Olaf vom Turm", Manfred Weinert (1976) aus der Reihe "Die Kleinen Trompeterbücher" Band 120, erschienen im "DDR Kinderbuchverlag, Berlin"